Bildungskongress 2025: Interview mit Jorge Cendales
8. August 2025
Jorge Cendales, ist einer der Referenten am Technorama-Bildungskongress vom 13 bis 14. September 2025. Er ist Experte für angewandte Kognitionswissenschaft sowie Dozent und Trainer für Integrierte Lösungsorientierte Psychologie.
Jorge Cendales besitzt einen Master of Cognitive Neuroscience, führt die von Prof. Dr. Gerald Hüther gegründete Akademie für Potentialentfaltung in der Schweiz und ist Mitglied der Akademie für Neurowissenschaftliches Bildungsmanagement (AFNB).
Jorge, auf was freust du dich am Bildungskongress?
Ich freue mich auf Menschen, die Bildung nicht nur als System, sondern als lebendige Beziehung verstehen. Auf Begegnungen mit Lehrkräften, die jeden Tag mehr geben, als man messen kann. Auf den Austausch über das, was uns wirklich verbindet – jenseits von Methoden und Curricula. Ich freue mich auf Aha-Momente, in denen sichtbar wird, dass Entwicklung möglich ist – in jedem Alter, in jeder Rolle.
Besonders berührt mich, wenn aus persönlicher Erkenntnis kollektive Bewusstwerdung entsteht. Bildung bedeutet für mich nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern Räume zu schaffen, in denen Menschlichkeit wachsen darf.
Der Bildungskongress im Technorama ist dafür der perfekte Ort: er ist offen, inspirierend und macht neugierig. Kurz gesagt: Ich freue mich auf echte Resonanz. Vom Ich zum Wir.
Wie kann dein Input Lehrpersonen für ihren Unterricht inspirieren?
Lehrerinnen und Lehrer sind von zentraler Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft.
Es ist beeindruckend, wie viel sie leisten – und zugleich erschütternd, wie wenig Wertschätzung sie dafür erfahren.
Während Karrieren in der Wirtschaft lukrativer erscheinen, kämpfen viele Lehrkräfte mit übermässiger Belastung, nicht zuletzt durch die ständige Erreichbarkeit in Zeiten digitaler Medien. Dem steht ein vergleichsweise geringes Gehalt gegenüber – ein Missverhältnis, das der gesellschaftlichen Relevanz des Lehrerberufs in keiner Weise gerecht wird.
In meinem Impulsbeitrag möchte ich ein Zeichen der Wertschätzung setzen. Aus der Vogelperspektive machen wir eine umfassende Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen, werfen einen Blick über den Tellerrand hinaus und machen Zusammenhänge sichtbar.
Die Neurowissenschaft dient dabei als Werkzeug, um den Menschen besser zu verstehen – und um zu verstehen, was laut neurowissenschaftlicher Erkenntnisse das Gelingen des Lebens und damit Glück bedeutet: «Verbunden sein und über sich hinauswachsen.»
Du hast ursprünglich Ingenieurswissenschaften studiert und dann einen Master in Neurowissenschaft absolviert. Jetzt arbeitest du vor allem als Trainer. Wie kam es dazu?
1977 stieg ich als 17-jähriger Schüler in die IT-Branche ein. Von da an prägte die Informationstechnologie nicht nur meine berufliche Laufbahn, sondern auch mein Leben – über mehr als drei Jahrzehnte hinweg. Bis 2010 war ich in leitenden Positionen bei weltweit tätigen IT-Grosskonzernen tätig.
Dann, mit 50 Jahren, stand ich erneut vor einem Angebot eines weiteren globalen IT-Unternehmens. Doch diesmal entschied ich mich anders: Ich kaufte ein kleines Unternehmen – heute bekannt unter dem starken Namen «HumanSpirit».
Diese Entscheidung fiel nicht zufällig. Die Neurowissenschaft zeigt, dass zwischen dem 48. und 52. Lebensjahr im orbitofrontalen Kortex eine Phase erhöhter Neuroplastizität einsetzt. In diesem Bereich unseres Gehirns sind Werte, Prinzipien und Sinnfragen verankert.
Das bedeutet: In diesem Lebensabschnitt hinterfragen viele Menschen ihr bisheriges Tun, überdenken ihre Prioritäten – und finden oft den Impuls für eine neue Richtung im Leben.
Für mich war es genau dieser Moment: Ein innerer Wandel, der mich dazu brachte, meine Erfahrung, mein Wissen – und meine Leidenschaft – in etwas Sinnstiftendes zu verwandeln.
Du berufst dich in deinen Vorträgen auf neurobiologische Mechanismen. Wenn man von «Mechanismen» spricht, hat man die Assoziation von etwas, was man nur schlecht oder gar nicht beeinflussen kann. Wie kann es trotzdem gelingen als Lehrperson Lernen zu ermöglichen?
Vorneweg: Der Mensch ist mehr als sein Gehirn! In den letzten 20 Jahren hat die Neurowissenschaft – insbesondere durch bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie – beeindruckende Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns gewonnen. Viele psychologische Theorien der letzten 100 Jahre wurden dadurch bestätigt und scheinbar «bewiesen».
Doch Vorsicht: Diese Entwicklungen verleiten schnell zu der Annahme, der Mensch sei ein reines Ursache-Wirkungs-Konstrukt. Das ist nicht so! Was allerdings inzwischen als gesichert gilt – auch durch Erkenntnisse aus der Epigenetik und Quantenphysik – dass Gedanken tatsächlich Spuren im Gehirn hinterlassen (Synaptische Verbindungen).
Deshalb: Achte auf Deine Gedanken!
Für Lernprozesse ist entscheidend, was ein Mensch über sich selbst denkt. Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die tief in sich das Gefühl tragen: «Ich kann das schaffen!», entwickeln ganz andere Lernfähigkeiten als jene, die mit einem inneren «Ich kann das nicht!» aufwachsen – sei es durch äußeren Druck oder eigene Erfahrungen.
Lehrkräfte, die Kindern die Möglichkeit geben, ihre eigenen Erfolgspfade zu entdecken – und ihnen dabei emotionale Sicherheit schenken – sind wahre Geschenke fürs Leben.
Oder, wie bereits eingangs erwähnt: «Verbunden sein und über sich hinaus wachsen» ist die Magie für ein glückliches Leben und Treibstoff zum Lernen.
Welches sind deine schönsten Erlebnisse als Trainer? Wie merkst du, dass sich dein Einsatz lohnt?
Als ich HumanSpirit vor 15 Jahren gründete, hörte ich einem Biologen zu, der einen Satz sagte, der mich tief bewegt hat: «Evolutionstechnisch gesehen ist der Mensch eine absolute Erfolgsgeschichte. Er ist so erfolgreich, dass er pro Jahr 20.000 bis 60.000 andere Arten verdrängt. Will der Mensch allerdings weiterhin eine Erfolgsgeschichte der Evolution bleiben, dann muss ihm eines gelingen: die Evolution vom Menschen zur Menschheit, vom Ich zum Wir.»
Genau dieser Gedanke prägt meine Arbeit bis heute.
Meine schönsten Erlebnisse als Entwicklungsbegleiter sind die Momente, in denen Menschen erkennen: Persönliche Entwicklung ist möglich.
Und wenn diese Entwicklung zu echter Zufriedenheit führt, entsteht etwas Grosses: Eine Einladung an andere, sich ebenfalls auf den Weg zu machen.
Für die Entwicklung eines neuen Miteinanders – eine nächste Stufe im menschlichen Zusammenleben.
Vom Ich zum Wir.
Der Technorama-Bildungskongress findet vom 13. bis 14. September 2025 statt.