Schlammbatterien im Technorama

10. März 2026

Mit der «Serinette pour les oiseaux de bourbe» wird Schlamm zum Hauptakteur eines neuen Exponats im Technorama. Hinter dem hübschen Holzschrank, der seinen Platz im Ausstellungsbereich «Sterben und Leben» gefunden hat, verbirgt sich ein komplexes Exponat zwischen Kunst, Biologie und Energiegewinnung. Und vor allem: ein Instrument, das Schlamm hörbar macht. Entwickelt wurde das Exponat nach einer Idee und gemeinsam mit dem amerikanischen Künstler Paul DeMarinis.

Technorama-Entwicklerin Charlotte, Künstler Paul DeMarinis und Technorama-Elektriker Thomas Gamper vor dem neuen Exponat.

Schlamm als Energiequelle

Die ursprüngliche Idee aus Schlamm Energie zu gewinnen, so erzählt Paul DeMarinis, gehe auf das Künstlerpaar Rasa Smite und Raitis Smits aus Riga zurück. In ihrer Arbeit experimentieren sie mit Biologie als künstlerischem Material und erforschen, wie lebende Systeme Teil eines Kunstwerks werden können. In Schlamm erzeugen Mikroorganismen winzige Mengen elektrischer Energie, während sie organisches Material abbauen. Mit der Zeit gelang es, dass tatsächlich kleine Mengen elektrischer Energie messbar wurden. Und genau hier beginnt die eigentliche Idee des Exponats: Der Schlamm wird nicht nur zur Energiequelle – er wird hörbar. Bis zu den funktionierenden Schlammbatterien des Exponats war es allerdings kein einfacher Weg, wie Entwicklerin Charlotte berichtet:

«Die erste Batterie, die wir mit Schlamm vom Flugplatz Oberi gebaut haben, hat gleich super funktioniert. Als wir wenig später Schlamm vom gleichen Ort geholt haben, war der auf einmal nicht mehr gut. Wir haben dann drei Jahre lang gesucht, sogar Experten aus der Limnologie und vom WSL hinzugezogen. Auch Forschende sind nicht sicher, welche Bakterien am besten geeignet sind. Den perfekten Schlamm haben wir immer noch nicht gefunden. Wer also guten Schlamm hat, darf uns den gerne vorbeibringen.»

 

Energie aus der Dunkelheit

Der Schlamm enthält Bakterien, die bei ihrem Stoffwechsel Elektronen abgeben. Dadurch erzeugt die Schlammbatterie eine Spannung, wie eine normale Batterie, allerdings produziert sie nur sehr wenig Strom. Das bedeutet, nur mittels einer ausgeklügelten Elektronik können diese winzigen Energiemengen genutzt werden. Dafür wird die Energie zunächst gesammelt. Je mehr davon verfügbar wird, desto höher steigt der Zeiger. Reicht die Menge dafür aus, sendet die Elektronik ein Radiosignal aus. Gleichzeitig springt der Zeiger wieder nach unten. Das Radio im Vogelhaus empfängt das Signal und spielt es ab.

Die Installation macht damit hörbar, was normalerweise im dunklen Schlamm verborgen bleibt: «There is energy radiating from the darkness of the mud.», so Paul DeMarinis. Das Ergebnis sind Zwitschergeräusche, die aus dem kleinen Holzhaus erklingen.

Die Serinette – ein historisches Vorbild

Das Zwitschern ist eine Hommage an eine historische Maschine, die früher tatsächlich zum Training von Singvögeln eingesetzt wurde – die Serinette, oder auch Vogelorgel. Im Technorama wird diese Idee neu interpretiert: Statt echten Vögeln Lieder beizubringen, ist es hier der Schlamm selbst, der zum akustischen Akteur wird. Je nachdem, welche Schlammprobe gerade ein Signal sendet, ertönt ein anderes Zwitschern.

Vom Käfig zum Haus

Auch die Form des Exponats entwickelte sich Schritt für Schritt. Inspiriert wurde sie unter anderem durch einen Schrank aus der Werkstatt, dessen Struktur eine neue gestalterische Richtung vorgab. Das Ergebnis ist ein Objekt, das sich mit seinem natürlichen Material und seinem warmen Holzton harmonisch in die Umgebung einfügt. Für den Lautsprecher orientierten sich die ersten Überlegungen an einem klassischen Vogelkäfig. Doch im Laufe der Gestaltung wurde daraus ein kleines Vogelhaus aus Holz:

«Wir haben alle Brockihäuser in Winterthur nach einem Vogelkäfig abgesucht und keinen gefunden.», erzählt Charlotte, «Dann haben wir im Baumarkt ein Vogelhaus gesehen und fanden, dass das noch viel besser passt: Der Käfig hätte für einen eingesperrten Vogel gesprochen, im Vogelhaus sind sie dagegen frei, hinauszufliegen. Das passt zum Thema: Die Radiosignale der Schlammbatterien fliegen ebenfalls frei hinaus in die Welt.»

Mit der «Serinette für Schlammvögel», verbindet das Technorama Technik und Natur mit künstlerischer Neugier. «Das Exponat gibt keine klare Botschaft vor.», sagt Charlotte, «Ich glaube, es kann aber viele Fragen anregen: Was passiert da Unsichtbares im Schlamm? Ist der Schlamm wertvoller als gedacht? Wie viel Energie steckt noch in der Natur, wo wir sie nicht vermuten?»

Das Exponat lädt dazu ein, genauer hinzuhören und darüber nachzudenken, welche Prozesse sich im Verborgenen abspielen. Denn selbst im dunklen Schlamm stecken Bewegung, Leben und Energie.

 

Die Beteiligten

Paul DeMarinis (Artist in Residence, Idee und Konzept)

Thomas Gamper (Elektronik-Entwicklung und Bau)

Charlotte Rummel (Bau Schlammbatterien)

Erik Burri (Elektronik Fertigstellung)

Andreas Rutishauser (Schreinerei Schrank)

Walter Hofmann (Schreinerei Baum)

Matthias Gerber (3D-Druck)

Cedric Rüttimann (Druck Textschild und Skalen)

Chi Lui Wong (Illustration Textschild)

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